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«S Beschte wos je hets gits» oder wenn sich Schweizerdeutsch und Migrationssprachen treffen
Von Stephan Schmid, Fabienne Tissot und Esther Galliker
«S Beschte wos je hets gits» ist das Jugendwort des Jahres 2009 [Audiobeispiel 1]. Ist dies nun eher zum Schmunzeln, oder müsste man sich wie die NZZ 2005 besorgt fragen: «Warum reden Schweizer Jugendliche, als wären sie Immigrantenkinder?». Die Rede ist von einem aus mehreren Immigrationsländern bekannten Sprachkontaktphänomen, das in der Linguistik meist als «Ethnolekt» bezeichnet wird und welchem das International Journal of Bilingualism 2008 eine thematische Nummer gewidmet hat. Die jeweiligen Bezeichnungen (Türkendeutsch, Maroccan Flavoured Dutch, Rinkeby svenska, Kebab-norsk) implizieren, dass es sich um relativ homogene ethnische Gruppen (Türken, Marokkaner) handelt, welche einen Ethnolekt sprechen, oder sie verweisen auf Orte, an denen so gesprochen wird (dem schwedischen Rinkeby) sowie auf Klischees und Stereotype (Kebab). Die Schwierigkeit bei der Benennung weist bereits auf die Komplexität des Phänomens hin; es sind nämlich in der Regel nicht nur mehrere Migrationssprachen, die den Sprachgebrauch beeinflussen, auch die Medien prägen die Sprechweisen und das Sprechen über diese «Ethnolekte» massgeblich.
Dass auch in der Deutschschweiz Ethnolekte entstanden sind, erstaunt eigentlich nicht. So hält Ruedi Schwarzenbach im ersten Heft von SchweizerDeutsch fest, dass in der Schweiz Serbisch/Kroatisch und Albanisch nach den drei grossen Landesprachen die am häufigsten gesprochenen Muttersprachen sind, und in der gleichen Nummer erwähnt Franz Hohler ja auch den «Balkanslang». Allerdings steht hierzulande die diesbezügliche Forschung erst am Anfang, sodass wir zunächst einmal die soziolinguistischen Grundfragen stellen müssen: Wer spricht eigentlich welche Sprache wie und wann, mit wem, unter welchen sozialen Umständen und mit welchen Absichten und Konsequenzen?
In diesem Beitrag soll deshalb eine erste Beschreibung und Kategorisierung der beobachteten Sprachphänomene erfolgen, wobei wir uns an der von Peter Auer vorgeschlagenen Einteilung in primäre, sekundäre und tertiäre Ethnolekte orientieren.
Primärer Ethnolekt
Der primäre Ethnolekt wird von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gesprochen, wobei verschiedene Merkmale auf allen sprachlichen Ebenen (Aussprache, Grammatik, Wortschatz, Gesprächsformeln) oft gemeinsam auftreten. In einem gewissen Sinne können wir hier von «Fehlern» sprechen, die auf einen unvollständigen Zweitspracherwerb hinweisen. In der Grammatik bemerkt man etwa einen abweichenden Gebrauch von Genus und Kasus («de Kaabel», «sii mues mich aalüüte») oder es werden Funktionswörter wie Artikel und Präpositionen einfach weggelassen («ich wundere mich wie si Lehr überchoo hät» [Audiobeispiel 2], «ich bi Bahnhof»). So auffällig solche «Grammatikverstösse» sind: sie bilden nicht das häufigste Merkmal von primären Ethnolekten, sondern gehören eher zu einer «lässigen» Art des Sprechens und treten in formalen Situationen kaum auf. Manchmal handelt es sich ganz einfach um Versprecher, die teilweise sogar bewusst aus Blödelei entstehen; schliesslich wurde die Originalaussage «S Beschte wos je hets gits» in einer Diskothek von einem Jugendlichen in euphorischem (und vielleicht auch angeheitertem Zustand) gemacht [Audiobeispiel 1].
Systematischer manifestiert sich der primäre Ethnolekt wohl auf der Ebene der Aussprache, wo er auf einige phonetische Besonderheiten des Schweizerdeutschen hinweist. Im Gegensatz zu den meisten europäischen Sprachen wird in unseren Dialekten ja nicht zwischen einem stimmlosen «p» und einem stimmhaften «b» unterschieden, sondern zwischen einem starken «p» und einem schwachen «b»; auch «b» ist stimmlos. Typisch für die Aussprache ausländischer Jugendlicher ist gerade die konsequente Stimmhaftigkeit dieser Konsonanten (zum Beispiel im Satz «zum Glück wäisch gömmer nach London» [Audiobeispiel 3]). Ein weiteres Merkmal schweizerdeutscher Phonetik ist das «Verschleifen» von Konsonanten, wenn zwei Wörter aufeinandertreffen: während man in herkömmlichem Schweizerdeutsch also «pfrau» sagt für «t Frau», unterbleiben solche Anpassungen im primären Ethnolekt meistens (zum Beispiel im Nebensatz «dass si nöd chömed [Audiobeispiel 4])».
Sekundärer Ethnolekt
«S beschte wo s je hets gits» bringt die Leute zum Lachen, und so ist es nicht erstaunlich, dass Komiker solche sprachlichen Verdrehungen aufnehmen und in ihre Produktionen einbauen. Aus dieser Stilisierung entsteht so ein sekundärer Ethnolekt, der einige wenige typische Merkmale des primären Ethnolekts nachahmt und sie durch Übertreibung ad absurdum führt. Solche fiktiven Charaktere werden übrigens nicht nur von Schweizer Berufshumoristen erfunden und am Fernsehen oder auf Bühnen inszeniert. Es sind gerade die «Secondos» selbst, die sich einen Spass am «Dubben» machen, indem sie Filmausschnitte mit einem abgewandelten Text synchronisieren und ins Netz stellen. Auf dem Internetportal «youtube» kann man zum Beispiel den australischen Schauspieler Julian McMahon in der Rolle von «Sputim» sehen – einer Kultfigur, die in Albanisch gefärbtem Winterthurer Dialekt spricht.
Die so kreierten Figuren sprechen dann mit sehr stimmhaftem «b» und «g («ganz genau» [Audiobeispiel 5]); sie lassen keine Konsonanten miteinander verschmelzen, sondern sprechen im Gegenteil in einer Art Staccato-Rhythmus. Ihre Sätze haben andere Kasus, eine andere Wortstellung und lassen Artikel weg; so sagt Sputim: «Unterbrich mir nid …, wil ich nime Stock und schlage dini Frässe» [Audiobeispiel 6]. Typisch für Sputims Aussprache ist zudem der mit zurückgebogener Zunge gebildeteter-Laut des Albanischen [Audiobeispiel 7].
Tertiärer Ethnolekt
Als dritte Gebrauchsweise tritt der tertiäre Ethnolekt auf. Dabei handelt es sich um einen Sprachstil – und meistens auch um ein Sprachspiel – von Jugendlichen ohne Migrationshintergrund, wobei hier ein sehr dehnbarer Begriff ist. Zum Spass wird der in der Regel aus den Medien bekannte sekundäre Ethnolekt zitiert oder nachgeahmt, manchmal auch der (vor allem in städtischen Gebieten prestigeträchtige) primäre Ethnolekt ausländischer Jugendlicher.
Und so treten bei einer gewissen Sprechweise Schweizer Jugendlicher Elemente aus dem primären sowie aus dem sekundären Ethnolekt auf allen sprachlichen Ebenen auf, auch hier meist in etwas übertriebener Form und Häufigkeit. Dabei werden entweder einzelne Merkmale aus den Quellen isoliert und in die eigene Sprechweise eingebaut oder ganze Versatzstücke komplett übernommen und praktisch 1:1 zitiert. Die in der Folge aufgeführten Beispiele stammen aus den Materialien eines Nationalfonds-Projekts über Jugendsprache (vgl. www.jugendsprache.ch) und wurden von Nidwaldner Jugendlichen geäussert, die ohne Zweifel auch das Winterthurer Sputim-Video kennen und für ihre Sprachspiele weiterverwenden.
Lautlich fällt beispielsweise auch hier der mit zurückgebogener Zunge gebildete r-Laut aus dem Albanischen auf, der beliebig in diverse Wörter eingebaut wird: «afiggerei» [Audiobeispiel 8], «mir». Dasselbe lässt sich für die bereits beschriebenen stimmhaften Konsonanten beobachten, so wird der Ausdruck «gaanz genau» als solcher übernommen und die Konsonanten am Wortanfang fast übertrieben stimmhaft ausgesprochen [Audiobeispiel 9]. Das stimmhafte «g» wird aber auch in neue Wörter eingebaut wie z.B. in «dj göli» [Audiobeispiel 10]. Der erwähnte Staccato-Rhythmus und Eigenheiten der Intonation werden ebenfalls auf neue Phrasen übertragen «ich cha nüd defür wenn du bsuffä bisch maann hey» [Audiobeispiel 11].
Besonders augenfällig sind natürlich lexikalische oder phraseologische Entlehnungen wie das von Schweizer Jugendlichen häufig verwendete albanische «ta qi[fsha] nënën», auf dessen Gehalt (Mutter- respektive Ehrbeleidigung) an dieser Stelle nicht genauer eingegangen werden soll. Es bleibt jedoch anzufügen, dass auf diese Weise indirekt auch neue kulturelle Elemente in die Welt der Jugendlichen einfliessen. Diese verlieren dabei wohl aber ihren ursprünglichen Wert und lösen sich im neuen Kontext in den humoristischen Sprachspielen auf. Auf grammatikalischer Ebene werden auch im tertiären Ethnolekt Fallfehler und Genusveränderungen eingebaut: «muesch mir nid afigge», «wo isch de musig?» [Audiobeispiel 13].
Wahrscheinlich ist es besonders dieses Verfahren, welches gesellschaftliche Ängste um die sprachliche Kompetenz und Integrität Schweizer Jugendlicher schürt – eine wohl etwas übertriebene Angst, solange das Verfahren von den Jugendlichen mehr oder weniger bewusst als stilistische Variation in einem breiten Spektrum verschiedener Sprechweisen eingesetzt wird; man kann dies durchaus auch als Ausdruck einer gewissen metasprachlichen und soziolinguistischen Kompetenz betrachten. Das trifft natürlich ebenso für die Übernahme lautlicher Elemente zu und für eine weitere Praktik auf Satz- oder Textebene: das Zitieren ganzer Phrasen oder Textblöcke, hier meistens aus den stilisierten Aufbereitungen des Ethnolekts in den Medien. So taucht beispielsweise Sputims verbaler Schlagabtausch in identischer Form auch bei den jugendlichen Nidwaldnern in einem sprachlichen Wettkampf wieder auf: «ich nime stock und schla dini frässi» [Audiobeispiel 14]. Interessant ist bei diesem Beispiel, dass die jungen Nidwaldner beim Zitieren der Winterthurer Version des Sputim-Dubbings gleichzeitig den Zürcher Dialekt übernehmen und sie nicht in ihre eigene Mundart übertragen.
Grundsätzlich ist es jedoch praktisch unmöglich, jeweils die genauen Quellen der ethnolektalen Elemente festzumachen. Nach Lust und Laune werden einzelne Bausteine aus den unterschiedlichsten Texten und Gesprächen übernommen, in die eigenen eingebaut und sehr oft auch abgeändert. In einer sprachlichen Bastelei – der Bricolage – kreieren die Jugendlichen einen eigenen sprachlichen Stil. Mit diesem unterhalten sie sich in gelöster Stimmung auf spassige Weise und liefern sich kleine sprachliche Machtkämpfe in ihrem Freundeskreis. In diesen gewinnt, wer am souveränsten, schnellsten und gekonntesten zitiert, verfremdet, karikiert und kontert.
Schlussbetrachtung
Es zeigt sich also, dass Ethnolekte in verschiedenen Kontexten mit unterschiedlichen Funktionen verwendet werden. Einflussfaktoren sind Sprachkontakte, das Spiel mit Stereotypen und Klischees, die Kreativität Jugendlicher im Umgang mit ihrer Sprache und mit den Folgen von Globalisierung und Migration, manchmal aber auch die damit zusammenhängende Übernahme von rassistischen Vorurteilen, negativen Rollen und problematischen Einstellungen. In anderen europäischen Ländern werden Ethnolekte meist in urbanen Kontexten gesprochen, an Orten, in denen aus demographischen Gründen verstärkt Sprachkontakte entstehen. Unsere Beschreibung der aus den Medien übernommenen und stilisierten Ethnolekte zeigt hingegen, dass in der Deutschschweiz solche Sprechweisen durchaus auch in ländlichen Regionen von Schweizern verwendet werden; allerdings werden hier, wie es scheint, gerade städtische – hier Zürcher – Jugendliche imitiert.
Als Fazit möchten wir betonen, dass die umgangssprachlich «Balkanslang» genannte Sprechweise verschiedene Funktionen erfüllt. Mag beim primären Ethnolekt eine gewisse identitätsstiftende Funktion mitspielen, so dienen sekundäre und tertiäre Ethnolekte eher dem Sprachspiel mit humoristischer Absicht. Ethnolekte sind sehr wandelbar und wer so spricht, kann nicht auf diese Sprechweise reduziert werden. Im Gegenteil, Sprechende unterschiedlicher Herkunft und sozialer Schicht verfügen in ihrem Sprachrepertoire über dieses ethnolektale Schweizerdeutsch und greifen darauf kontextabhängig und aus unterschiedlichen Gründen zu.
Literatur
Peter Auer: ‘Türkenslang’ – ein jugendsprachlicher Ethnolekt des Deutschen und seine Transformationen. In: A. Häcki Buhofer (Hrsg.), Spracherwerb und Lebensalter. Tübingen/Basel 2003, S. 255–264.
Basil Schader: Albanischsprachige Kinder und Jugendliche in der Schweiz. Zürich 2006.
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